Roman über Handwerkskunst und gesellschaftliches Leben im Stil des alten China
Der Fleck im weißen Kalkkreis
Ku Wuji · Mit KI verfasst · 12038 Zeichen · ca. 11 Minuten
Der weiße Kalk fiel zuerst am Brunnen der Familie Gu nieder. Es war keine ganze Handvoll, nur ein wenig Staub, den der Wind herübertrug. Auf den nassen Ziegeln blieb ein kaum sichtbarer weißer Fleck zurück. Shen Su zog gerade das Brunnenseil hoch. Gu Qing nahm ihr den Eimer ab und hörte jenseits der Mauer jemanden sagen, man solle noch einen Fuß weiter nach Westen messen. Ohne das Wasser ordentlich abzustellen, stieg sie auf den Holzhocker, den sie sonst zum Trocknen der Decken benutzten, und spähte über die Mauer.
Drei Menschen standen um den Pflaumenbaum. Der Mann im kurzen Gewand, der gestern die Tür vermessen hatte, zog mit Kalkschlämme einen Kreis. Die Linie verlief am Fuß der alten Mauer entlang, weiter oben am Stamm war ein dickes Hanfseil befestigt. Der Baum war nicht groß, doch seine Zweige wussten sich auszubreiten: Einer ragte über die Mauer, ein anderer schräg in den alten Gang, als hätte er zwischen beiden Haushalten je einen Ort zum Gespräch gelassen. Nun, da der weiße Kalk ihn einkreiste, wirkten diese verstreuten Äste plötzlich sehr einsam.
„Was habt ihr vor?“, fragte Gu Qing.
Der Mann mit dem Kalkkübel hob den Kopf und sagte, sie würden den Baum versetzen. Ein anderer rief ihr zu, sie solle herunterkommen. Der Putz sitze schon hohl. Wer komme dafür auf, wenn sie ihn lostrete? Gu Qing stand nur auf ihrem eigenen Holzhocker. Sie wollte gerade widersprechen, da hörte sie hinter sich ihre Großmutter rufen und stieg erst einmal herunter. Mit einem halben Eimer Wasser ging sie durch die eigene Haustür hinaus und bis zum offenen Tor des verlassenen Anwesens. Auf dem direkten Weg trennte die beiden Häuser nur eine Mauer. Durch die östliche Steingasse war es ein gutes Stück weiter, und unterwegs musste sie auch noch einem Wagen voller leerer Körbe Platz machen.
Im Hof räumten sie die alten Sachen weg. An der Nordmauer lagen zwei zerbrochene Türbretter übereinander. Die Asche aus dem alten Herd war zu einem kleinen Haufen zusammengefegt. Als Kind hatte Gu Qing den Hof riesig gefunden. Jetzt stand sie zwischen den frisch gespannten Richtschnüren und sah, dass ein quer gestellter Wagen mehr als die Hälfte davon einnahm. Die gepflasterte Gasse vor dem Osttor war so schmal, dass man mit dem Wagen nach der Einfahrt kaum wenden konnte. Draußen wartete der Holzlieferant und rief vor Ungeduld dreimal, man solle Platz machen.
Ein Mann um die vierzig kam mit einer leeren Trinkschale in der Hand aus dem Haupthaus und fragte, ob sie von nebenan, von der Westseite, sei. Er trug ein schlichtes braunes Gewand, und seine Schuhe waren am Rand voller Schlamm. Gu Qing hatte sich vorgestellt, wer ein Anwesen kaufte, könne gleich andere dafür sorgen lassen, dass er mit all dem Schmutz nicht in Berührung kam. Noch bevor sie antwortete, stellte er sich als Wen Jichang vor und bat um einen Eimer sauberes Wasser. Die Leute aus seinem Haushalt kämen erst später. Teegeschirr und Kochzeug seien noch nicht beisammen, und die Arbeiter seien schon einen halben Tag bei der Arbeit.
Gu Qing blickte zum Brunnen und sagte, Wasser hätten sie, aber den Baum könne man nicht einfach versetzen, bloß weil man das sage. Wen Jichang folgte ihrem Blick zum Pflaumenbaum, schwieg einen Moment und sagte dann, der Baum solle vor die Stadt und werde nicht zu Brennholz gehackt. Auf seinem anderen Anwesen sei genug Platz, um ringsherum ein Stück Boden freizulassen. Hier drückten die Wurzeln gegen die Wand, und kein Wagen komme vorbei. Er sprach ganz ruhig, als hätte er ihre Sorge damit schon ausgeräumt.
„Wohin soll er verpflanzt werden?“, fragte Gu Qing.
»Zehn Li südöstlich vor der Stadt, gleich an der großen Straße.«
„Wer kümmert sich darum?“
„Natürlich holen wir jemanden, der sich mit Bäumen auskennt.“
Gu Qing fragte weiter, was sei, wenn der Mann sich die Pflege zutraue, der Baum nach dem Umsetzen aber nicht anwuchs. Wen Jichang presste kurz die Lippen zusammen. Sie wusste, dass ihre Fragen lästig waren, konnte sich aber nicht zurückhalten. Ihr Blick folgte dem weißen Kalkkreis. Die dickste Wurzel verschwand am Fuß der Mauer, und gleich auf der anderen Seite war die Stelle, an der ihre Großmutter jedes Jahr mit der kleinen Schaufel die Erde lockerte. Wie sollte jemand, der sich mit Bäumen auskannte, von all dem hinter der Mauer wissen, wenn er nur in den Kreis blickte?
Wen Jichang gab seinem Gehilfen die leere Schale und sagte, er werde einmal hinübergehen. Gu Qing dachte, er wolle sich die Wurzeln ansehen, und machte ihm rasch Platz. Im Hof der Gus grüßte er zuerst Shen Su und fragte, ob sie die alte Frau sei, die sich all die Jahre um den Pflaumenbaum gekümmert habe. Shen Su saß im Laubengang und breitete eine Handvoll abgefallener Blüten auf einem alten Tuch aus. Das Tuch war verblichen blau, und die nassen Blütenblätter waren an den Rändern ein wenig durchsichtig. Sie sagte nichts von all den Jahren. Wenn es dürre Zweige gegeben habe, sei sie hingegangen, und bei Trockenheit habe sie ihm gelegentlich eine Kelle Wasser gegeben.
„Ihr habt euch jahrelang darum gekümmert“, sagte Wen Jichang. Er holte zwanzig Wen aus dem Ärmel und legte sie auf die Tischecke. „Jetzt kommt der Baum woandershin, und künftig habt ihr diese Mühe nicht mehr. Das gehört abgegolten. Wir können eure Arbeit nicht einfach umsonst annehmen.“
Gu Qing hörte die zwanzig Münzen mit einem hellen Klang aneinanderschlagen. Wie viel Kohle und wie viel Seide man dafür bekam, wusste sie besser als jeder andere. Jetzt aber kamen sie ihr beim Hinsehen so wenig vor, dass es beinahe in den Augen wehtat. Shen Su schlug zwei Ecken des alten Tuchs zusammen und rührte das Geld nicht an. Wenn neben dem eigenen Brunnen ein Baum stehe, sitze man im Sommer auch kühl. Da könne man schwerlich davon reden, dass einer dem anderen einen Gefallen tue. Wen Jichang zog daraufhin seine Hand zurück, ließ das Geld aber auf dem Tisch liegen.
Draußen vor dem Hof rief wieder jemand nach Herrn Wen. Diesmal war es eine Frau in einem dunkelblaugrünen, schon etwas abgetragenen Umhang. Unter einem Arm klemmte eine Stoffhülle mit Papieren, in der anderen Hand trug sie zwei Becher aus grobem Ton. Gleich beim Hereinkommen fragte sie, ob sie etwas Wasser haben könne. Gu Qing beeilte sich, ja zu sagen. Die Frau dankte ihr und stellte die leeren Becher am Brunnenrand ab. Dann erst wandte sie sich an ihren Mann und sagte, der Wagen könne nicht länger vor dem Tor stehen. Er versperre den Leuten mit der Wäsche den Rückweg in die Gasse.
Sie griff das Gespräch nicht auf, um Shen Su zur Annahme des Geldes zu überreden. Als sie ihren Umhang anhob, fiel Gu Qing eine neu geflickte Stelle an ihrem Ärmel auf. Die Stiche waren fein, doch die Farben stimmten nicht ganz überein. Wen Jichang schien es ein wenig zu missfallen, dass sie so eilig gekommen war, und bat sie, erst einmal den Fuhrmann das Holz abladen zu lassen. Die Frau sagte, sie müssten sich schon für einen Platz entscheiden. Sie könnten die Leute nicht alles hinein- und wieder hinaustragen lassen, und ein paar laute Worte würden den Arbeitslohn nicht senken. Erst da ging Wen Jichang mit ihr hinaus und ließ den Satz über die Hofmauer halb ausgesprochen stehen.
Gu Qing brachte das Wasser zur Tür und hörte, dass die Frau Xu hieß und man sie Frau Xu nannte. Beim Einschenken verschüttete sie versehentlich ein wenig Wasser. Frau Xu hielt sogleich die Handfläche darunter und fing es auf, sodass nichts auf die Papiere tropfte, die sie bei sich hatte. Die Bewegung war so geübt, als würde sie jeden Tag den Dingen Halt geben, die andere noch nicht recht zu fassen bekamen. Gu Qing hatte sie bitten wollen, sich für den Baum einzusetzen. Im letzten Augenblick fragte sie stattdessen, wann sie ihn versetzen wollten.
„Wann die Arbeiten anfangen, steht noch nicht fest“, antwortete Frau Xu. „Erst muss der Platz geräumt werden. Am Sechzehnten des ersten Monats müssen wir das Lager eröffnen. Dann läuft die Miete für das alte Lager im Osten aus. Da können wir keinen Tag schinden.“
Der sechzehnte Tag des ersten Mondmonats. Gu Qing rechnete kurz nach. Bis dahin war es nicht mehr lange. Am Morgen hatte sie noch wegen eines kleinen Standplatzes geschmollt, und diese beiden mussten vor Neujahr ein ganzes Anwesen herrichten. Sie wusste einen Moment lang nicht, ob diese Eile für sie gut oder schlecht war: Vielleicht hatten die beiden so wenig Zeit, dass sie sich nichts über Blumen anhören wollten, vielleicht waren sie aber auch bereit, etwas stehen zu lassen, wenn sich damit Zeit sparen ließ.
Nachdem das Ehepaar Wen gegangen war, schob Shen Su das Geld von der Tischecke näher zur Tür. Gu Qing sagte, sie könnten es ihm zurückgeben, wenn er wiederkomme. Doch die Großmutter meinte, deswegen müsse man ihm nicht die Hand zurückhalten; wer sich Wasser ausleihe, komme schließlich nicht zu einem Verhör. Gu Qing wurde heiß im Gesicht und fragte, ob sie den Baum also einfach fortschaffen dürften. Shen Su antwortete nicht. Sie stand auf, um die leeren Schalen wegzuräumen. Als sie das Knie beugte, stützte sie sich zuerst mit der Hand auf die Tischkante.
Gu Qing eilte hin, um sie zu stützen, doch ihre Großmutter drehte den Arm sanft zur Seite. Sie nahm die Schale sicher in die Hand und sagte, das Bein tue ihr weh, Kraft habe sie trotzdem. Gu Qing stand daneben und hatte das Gefühl, an diesem Tag lasse sie niemand ausreden. Trotzig ging sie ihren Arbeitstisch aufräumen und nahm ein paar lange Bambusleisten zum Blumenbinden von der Wand weg. An einer davon hing eine Pflaumenknospe, die irgendwann herabgefallen sein musste.
„Die haben das Anwesen gekauft“, sagte Shen Su schließlich. „Bloß weil ich den Baum gieße, muss er noch lange nicht auf mich hören.“
„Ich habe auch nicht gesagt, dass er mir gehorchen soll.“
„Und was hast du morgen vor?“
Gu Qing sagte, sie werde den Vermittler fragen, sich ansehen, was sie eigentlich gekauft hätten, und jemanden suchen, der für so etwas zuständig sei. Beim dritten Satz stockte sie selbst. Sie war noch nie bei der Amtsstube gewesen und wusste erst recht nicht, wer für einen Pflaumenbaum zuständig war, der gegen eine Mauer drückte. Shen Su warf ihr einen Blick zu und lachte sie nicht aus. Sie reichte ihr nur die kleine Schere und sagte, wenn sie wirklich fragen gehe, solle sie zuerst den losen Faden am Ärmel nach innen ziehen, damit die Leute nicht bloß die schadhafte Stelle sähen.
Gu Qing hielt die Schere fest und wollte erwidern, die Großmutter solle nicht immer nach Fehlern an ihr suchen. Sie sah auf den Ärmel hinunter. Tatsächlich war ein Stück Faden gerissen, und darunter kam alter Stoff zum Vorschein. Als die Großmutter früher Blumen machte, zog sie stets ihre beste Jacke an, sobald Kundschaft kam. Wenn jemand sie ein altes Nähweib nannte, verzog sie keine Miene. Sobald die Person gegangen war, konnte sie aber den ganzen Nachmittag ein eisiges Gesicht machen. Als Kind hatte Gu Qing das nicht verstanden. Inzwischen verstand sie es ein wenig, doch wenn der Baum kurz davorstand, ausgegraben zu werden, wollte sie sich nicht zuerst wegen dieses einen Zolls Faden den Kopf zerbrechen.
Am Abend brachte der Gehilfe, der das Tor vermessen hatte, den Wassereimer zurück und nahm bei der Gelegenheit die zwanzig Wen wieder mit. Damit die Gus es nicht missverstanden, sagte er, der Ladenherr habe es gut gemeint. Er habe ihnen die paar Blütenblätter nicht abkaufen wollen. Gu Qing hörte, dass er seinem Herrn das Gesicht wahren wollte, sagte, sie verstehe, und fragte, ob derjenige, der heute den Kalkkreis um den Baum gezogen habe, ein Gärtner sei. Der Gehilfe schüttelte den Kopf. Er gehöre zu den Zimmerleuten. Wenn der Baum wirklich ausgegraben werden solle, müssten sie eigens Meister Qiu holen. Wie dick die Wurzeln seien und wo man sie kappen solle, wage er selbst nicht zu entscheiden.
Tante Chen kam vom Ende der Gasse zurück. Über dem Arm trug sie Stoff, der noch nicht ganz trocken war, und beim Gehen schüttelte sie das Wasser auf den Boden. Sie hielt den Gehilfen an und fragte, ob der Weg morgen wieder versperrt sein würde. Er sagte, solange noch nicht alles abgeladen sei, müssten natürlich weitere Fuhren kommen. Da hielt Tante Chen ihm das äußerste Stück Stoff hin und zeigte ihm den Schlamm, den das Wagenrad daran hinterlassen hatte. Sie sollte den Stoff für einen Kunden sauber waschen. Heute Abend würde sie wohl noch einmal Wasser aus dem Brunnen ziehen müssen.
Gu Qing sagte, der neue Eigentümer wolle ein Warenlager eröffnen, künftig würden wohl oft Wagen kommen. Tante Chen wandte sich zu ihr um: „Du wusstest, dass oft Wagen kommen würden, und hast immer nur nach dem Baum gefragt?“
Sie sagte es ohne Schärfe, doch Gu Qing wusste keine Antwort. Die beiden Familien kannten sich seit Jahren. Tante Chen brachte der Großmutter oft Salz mit, und Gu Qing hatte ihrer Tochter schon einmal eine Haarblume ausgebessert. Heute hatte sie nur an den Pflaumenbaum gedacht und dabei ganz übersehen, dass all der nasse Stoff vom Gestell an der Gassenmündung auf dem Boden gelandet war. Sie holte eine Schüssel, mischte für Tante Chen etwas warmes Wasser hinein und half ihr, die Schlammflecken auszureiben. Je länger sie rieb, desto deutlicher wurde ihr, dass sich unter diesem Baum mehr abspielte als das Leben von ihr und ihrer Großmutter.
Gu Qings Unruhe ließ ein wenig nach. Der weiße Kalkkreis bedeutete also noch nicht, dass morgen der Spaten angesetzt würde. Sie erzählte ihrer Großmutter davon. Die Alte machte nur ein leises „Hm“ und legte weiter Blüten in das alte Tuch. Plötzlich griff Gu Qing nach ihrer Hand mit den hervorstehenden Knöcheln und sagte, ihr werde ganz bestimmt etwas einfallen. Shen Su sah sie an, ohne ihr zuzustimmen oder es ihr ausreden zu wollen. Erst nach einer ganzen Weile zog sie ihre Hand zurück und sagte, das Wasser stehe noch auf dem Feuer. Gu Qing solle sie nicht die ganze Zeit anstarren.
Nachts zog der Wind durch den Mauerspalt zwischen den beiden Häusern und brachte den herben Geruch von frischem Mörtel mit. Gu Qing rückte den Docht zurecht und flickte ihren Ärmel mit ein paar Stichen, viel gröber als beim Blumenmachen. Auf halbem Weg schob sie das Fenster wieder auf, um nach dem Pflaumenbaum zu sehen. Ein dickes Hanfseil hing zwischen den Zweigen herab, und der weiße Kalk bildete im Dunkeln einen matten Kreis. Plötzlich dachte sie, wenn sie vorher einen Zweig abschnitt, gäbe es wenigstens etwas, das nicht ganz von anderen fortgeschafft würde. Kaum war ihr der Gedanke gekommen, lag er zusammen mit der Schere in ihrer Hand und ließ sich nicht mehr loslösen.
· Ende des Kapitels ·
Dieses Buch ist ein mit KI-Unterstützung verfasstes Originalwerk, das Wang Anshis 《梅花》 (Pflaumenblüten) und die ursprüngliche Kurzgeschichte dieser Website 《不卖春风》 (Den Frühlingswind verkaufe ich nicht) erweitert. Figuren, Handelsgeschäfte, Geografie und Zeitrechnung sind erfunden; es handelt sich nicht um eine Biografie des Dichters. Die zentralen Entscheidungen der Vorlage bleiben erhalten: den Baum zu bewahren, die Duftlosigkeit der Seidenblumen und den gemeinsamen Besuch von Großmutter und Enkelin bei den Lotosblüten.
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