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Ein Buch in der Hand

Roman über Handwerkskunst und gesellschaftliches Leben im Stil des alten China

Noch einen neuen Zweig machen

Ku Wuji · Mit KI verfasst · 11058 Zeichen · ca. 11 Minuten

Am Fünfzehnten des sechsten Monats entfaltete sich zwischen Gu Qings Fingern das erste Lotusblütenblatt. Es war nicht rot. Es hatte die Farbe von Wasser im Mondlicht, an der Spitze einen Hauch von hellem Apricot und am Rand zwei Falten, die sie nicht ganz flach gedrückt hatte. Shen Su sah es sich an und sagte, es sei zu blass. Gu Qing hielt es ins Licht und schob es wieder in den Schatten. Bei der Blüte, die sie vom Boot aus gesehen hätten, habe sich mit dem Licht gleich die Farbe verändert. Sie mache sie so, wie sie ausgesehen habe, als das Licht weitergezogen sei.

Die Großmutter dachte eine Weile nach und stritt nicht für ihre eigene graue Lotusblüte. Sie hielt ein Knäuel groben Garns an die Blütenmitte, fand, Gu Qing habe dort zu viel Platz gelassen, und fügte mit dem Finger ein kleines bisschen hinzu. Sofort wirkte die Blüte voller. Beide sahen sie sich noch einmal an. Schließlich entfernte Gu Qing die Hälfte. Shen Su murmelte, warum sie immer gleich alles wieder auftrennen müsse, wickelte aber lächelnd den herausgezogenen Faden auf das kleine Röllchen zurück. Dass Gu Qing ihr nicht gefolgt war, hielt sie nicht davon ab, weiterzuarbeiten.

Xiaoman kam am Nachmittag mit zwei Hutbändern. Sie wollte ausprobieren, ob vom Lotusblatt ein einziger Bogen genügen würde. Gu Qing breitete ein ganzes Blatt aus. Xiaoman faltete die Seite nach innen, und auf einmal war es kein Blatt mehr, sondern sah aus wie ein Stück Wind, das sich eben aufgeworfen hatte. Gu Qing gefiel die Falte, doch ihr eigenes ganzes Lotusblütenblatt wollte sie nicht genauso falten. Beide machten je ein Stück. Als sie fertig nebeneinanderlagen, wählte Xiaoman ihres und Gu Qing das eigene. So lange sie auch schon zusammenarbeiteten, ihre Hände waren darüber nicht gleich geworden.

Sie ließen Shen Su wählen, doch der Alten gefiel gerade das abgetrennte graugrüne Knäuel, aus dem keine Blume geworden war. Das würde sich gut an ihrem Hutrand machen, sagte sie. Gu Qing lachte laut und fragte, warum sie nicht mitmache, wo sie sie doch im Ernst um ihre Meinung gebeten hätten. Die Großmutter sagte, sie sei alt und wolle sich jetzt nur noch ansehen, was ihr selbst gefalle. Sie nahm das Knäuel tatsächlich mit, wickelte zweimal einen Faden darum und steckte es an. Es sah weder nach Blume noch nach Blatt aus. Die drei betrachteten es eine ganze Weile im Bronzespiegel. Xiaoman sagte, es sehe aus wie eine Bohne, die noch in der Hülse stecke. Die Alte erwiderte, eine Bohne sei auch gut, von Bohnen werde man satt.

Gu Qing zeigte die vollständige Lotusblüte einem Kunden, der Fächer machte. Er suchte etwas für Sommerfächer und wollte keine allzu große Blüte. Seine Wahl fiel ausgerechnet auf Xiaomans schlichtes, gebogenes Blatt. Er fragte, ob sie zwei Paare davon machen könne. Gu Qing versprach, es auszurichten. Sie sagte ihm nicht, dass ihre eigene Blüte mehr Arbeit gekostet habe und er sie zuerst hätte wählen sollen. Als er fort war, war sie immer noch ein wenig enttäuscht. Sie drehte die Blüte hin und her, legte sie schließlich in eine flache Schale an ihrem Fenster und gestand sich ein, dass sie selbst sie zumindest jetzt am liebsten behalten wollte.

Sie und Xiaoman arbeiteten nicht mehr jeden Tag zusammen. Xiaoman hatte ihre Stunden im Hutladen, Gu Qing ihre Tage für den Blumenladen und die Einzelkundschaft. Wenn sie ein Muster gemeinsam nutzten, hielten sie das schriftlich fest, den Rest machte jede für sich. Sie stritten immer noch manchmal über einen Verschluss. Einmal vergaß Gu Qing, die Maße zu nennen, und bezahlte die Neuanfertigung selbst. Shen Su musste nicht mehr jeden Tag für drei kochen. War Xiaoman gerade zur Essenszeit da, stellten sie eine Schale mehr hin. War sie nicht da, fragte Gu Qing auch nicht, warum sie nicht mit ihnen aß.

Im siebten Monat drückte die Hitze. Der Graben unter dem Pflaumenlaub musste weiter geprüft werden, und am Baum hatten Insekten wieder ein kleines Blatt angefressen. Qiu Shen war da gewesen und hatte wie üblich seinen Lohn für die Baumpflege genommen. Das Gestell für die Muster im Innenhof der Wens war abgebaut. Jetzt standen dort vorübergehend leere Kisten, ohne die Wurzeln zu bedrängen oder den Wasserlauf zu versperren. Wenn Gu Qing vom Brunnen hinübersah, sah sie manchmal Frau Meng neue Farben bringen und manchmal nur Achun mit einem leeren Korb vorbeigehen. Sie legte die Ware anderer Leute nicht mehr jedes Mal auf ihre innere Waage.

Im Schirmladen in der Südstraße war mehr los, als sie gedacht hatte. Wenn sie sich dort hinsetzen wollte, kam sie vor lauter Kundschaft oft nicht zur Tür hinein, und Zhou Jiping konnte seine Arbeit nicht immer liegen lassen, um ihr Gesellschaft zu leisten. Einmal ärgerte sie sich nach langem Warten und wollte gehen. Er lief ihr nach und sagte, der kleine Hocker drinnen sei noch da. Sie sah hin und entdeckte, dass er voller neuem Schirmpapier war. Beide lachten zugleich. Er machte ihr ein bisschen Platz, und sie setzte sich hin und nähte ihren eigenen Ärmel. Sie arbeitete ihm keinen ganzen Nachmittag umsonst zu und verlangte auch nicht, dass er wegen ihrer Wartezeit früher schloss.

Später kam er zu ihr, um den Sommersch­­atten des Baumes zu sehen. Shen Su holte eigens das graugrüne Gebilde hervor, das aussah wie eine Bohne, und fragte, ob er so etwas auch an eine Schirmspitze binden könne. Zhou Jiping sagte, das gehe, und fragte zuerst, wie so eine Bohne denn aussehe. Mit seiner todernsten Miene verschlug er der Alten die Sprache. Gu Qing lachte so sehr, dass ihr die Schere in der Hand zitterte. Er nahm sie ihr ab, legte sie dorthin, wo sie niemanden störte, und reichte sie ihr erst wieder, als sie sich ausgelacht hatte. Die beiden hatten einander wegen dieses Augenblicks der Nähe keine künftigen Sommer versprochen. Ihre Hände wussten schon, wie sie sich an einem schmalen Tisch aneinander vorbeibewegen konnten.

Nach jener Reise lebten sie keineswegs im Überfluss. Im Herbst regnete es zweimal mehrere Tage am Stück, und Gu Qing verkaufte weniger einfache Blumen. Sie griff auf einen kleinen Teil der Rücklage zurück und füllte ihn Ende des Monats wieder auf. Die Großmutter konnte die feinen Nadeln vor ihren Augen noch immer nicht scharf sehen, und bei Kälte schmerzte ihr Knie stärker. Sie versprachen sich den nächsten Ausflug nicht mehr für ein gutes Jahr, das bestimmt kommen würde. Sie sprachen nur über die nahen Orte, die sie gern sehen wollten, und wenn Beine und Wetter eines Tages mitspielten, würden sie erst einmal ein Stück gehen.

Am sechsundzwanzigsten Tag des elften Monats desselben Jahres blühte die Pflaume wieder. Die Blüten verteilten sich ungleich über den Baum. An einem Ast zum Warenlager hin saßen weniger, an dem dünnen Zweig, den man vom Fenster aus sah, dafür umso mehr. Gu Qing holte früh Wasser und blieb am Brunnen stehen, um sich die Farbe der diesjährigen Blüten anzusehen. An ihren Fingerspitzen klebte noch heller Kleister vom Umwickeln der Stiele am Vorabend. Nach einem Jahr war in der grauen Fuge am Bogen in der Mauer etwas Grün gewachsen. Der Baumstamm stand noch immer an derselben Stelle. Daran hatte auch die weite Reise nichts geändert.

Sie ging hinein, um frische Seide zu holen. In der Fensterecke ragte der erste alte Pflaumenzweig schräg aus dem Papiergitter. Die Blütenspitzen waren gelb geworden, und das feine Puder von damals war fast unsichtbar. Den Faden um den Stiel hatte sie erst kurz vor der Abreise festgewickelt. Sie strich den Staub ab und trug kein neues Puder auf. Auch auf der im Sommer gefertigten Lotosblüte für das Mondwasser lag ein wenig Staub, und Shen Sus graue Lotosblüte lag in einer anderen Schachtel. Sie stellte die drei alten Blüten nicht so auf, als wären es die einzigen drei Dinge, die ihr in diesem Jahr gelungen waren. Sie brachte es einfach bei keiner übers Herz, sie wegzuwerfen.

Ihre Großmutter war schon auf und saß mit dem Knieschutz neben dem Bambusvorhang. Sie fragte, ob Gu Qing wieder weiße Pflaumenblüten machen wolle. Im Schrank liege noch roter Stoff von früher. Gu Qing sagte, sie wolle erst den heutigen Zweig machen. Das Rot könne sie beim nächsten Mal ausprobieren. Sie betrachtete den Baum vom Fenster aus von mehreren Stellen. Erst da fiel ihr auf, dass die Knospen an dem Zweig, den sie zu Beginn des elften Mondmonats gemacht hatte, so groß waren, als wollten sie alle auf einmal aufblühen. An dem echten Zweig vor ihr standen sie mal dicht beieinander, mal weit auseinander und ließen sich von ihr keine Ordnung vorschreiben.

Sie nahm drei Knospen weg und ließ eine Stelle frei. Das war weder Xiaomans schiefes Blumenmuster noch Shen Sus alter eingerollter Rand. Es war dieser Baum, wie ihn der Wind dieses Jahres geformt hatte. Sie arbeitete langsam, betrachtete die Blüte erst im Hellen und dann noch einmal im Schatten. Die frisch gefärbten dünnen Blätter legte sie zum Trocknen hin, ohne sie aufrichten zu wollen, solange die Stärke noch feucht war. Die Großmutter umwickelte zwei Stiele und hörte auf, als ihr die Hände kalt wurden. Sie ging zu den Chens, um zu hören, wessen Katze gestern Nacht aufs Vordach gesprungen war, und fragte vor dem Gehen nicht, wann Gu Qing das Mittagessen machen könne.

Gu Qing war allein zu Hause, als am Nachmittag ein Kunde kam. Es war derselbe Käufer, der im vergangenen Jahr auf dem Westmarkt nach dem Duft gefragt hatte. Ob er sich an sie erinnerte, war ungewiss. Er sagte nur, hier stelle jemand Seidenblumen her, und er wolle zwei Zweige kaufen, um sie ans Nordfenster zu stellen. So hätte er im Winter ein wenig mehr Helligkeit. Gu Qing zeigte ihm den alten Pflaumenzweig und erklärte, so sehe die Farbe nach einem Jahr aus. Ein frisch gemachter Zweig sei leuchtender, werde mit der Zeit aber ebenfalls verblassen. Der Mann beugte sich vor, roch daran und fragte, ob die Blüten überhaupt keinen Duft hätten.

Sie antwortete, die Blüten hätten keinen Duft. Wenn er Duft wolle, solle er ein Duftsäckchen dazulegen, ohne es auf die Seide zu drücken. Sie führte den Kunden deswegen nicht unter den Baum, um mit dessen Duft für ihre Blumen zu bürgen. Der Mann sagte sogar, das passe genau, bei ihnen zu Hause müsse jemand von starkem Duft husten. Die Form des alten Zweigs genüge, und es müsse nicht jede Knospe so voll sein. Gu Qing notierte zwei Zweige, nannte achtzehn Wen pro Stück und vereinbarte die Abholung in drei Tagen. Den noch feuchten Zweig bot sie ihm nicht als fertige Ware an.

Als der Kunde fort war, ging sie mit dem Wasser zum Brunnen und nahm erst dort einen Hauch von Pflaumenblütenduft wahr. Er erfüllte nicht das ganze Haus und war auch nicht immer da; drehte der Wind, wurde er schwächer. Sie blieb stehen, sah ein Blütenblatt auf den nassen Stein fallen und dachte an die Schere, die einst im Mondlicht halb erhoben gewesen war. Jetzt schnitt die Schere neben ihrer Hand nur noch Fäden. Als ihre Großmutter mit einem kleinen Päckchen saurer Pflaumen zurückkam und sie dort stehen sah, drängte sie sie nicht, rasch wieder an die Arbeit zu gehen, sondern streckte selbst die Hand nach dem Wasser aus.

Am Abend brachte Zhou Jiping die geliehene Holzklammer zurück. Ein anderes Geschenk hatte er nicht dabei. Gu Qing bat ihn ans Fenster, damit er sich ihre neuen Arbeiten von diesem Jahr ansah. Er sah zuerst den alten Zweig an, erkannte die nachträglich ergänzte Fadenwicklung und sagte, der alte halte sich noch. Solange er sich halte, bleibe er, sagte sie. Sie werde ihn nicht auf jung zurechtmachen. Er lachte und wollte ein schiefes Blatt richten. Sie klopfte ihm auf die Hand und schickte ihn erst zum Waschen. An seinen Fingern war noch Öl.

Er ging zum Brunnen, um sich die Hände zu waschen. Die Großmutter schöpfte dort Wasser. Gu Qing wusste nicht, was die beiden sagten, hörte sie aber zusammen lachen. Durch das Fenster sah sie ihren halben Tisch, das Becken, das sie schon so oft ausgewaschen hatte, und das Stück Pflaumenzweig jenseits der gebogenen Mauer. Auf einmal wollte sie über dieses Jahr kein einziges rundum gutes Urteil mehr fällen. Sie zog den letzten Faden der neuen Blume in die Unterseite der Fassung, ließ ihm so viel Spiel, dass er nicht einschneiden würde, und legte die Blume in ein Papierfach, um sie morgen zu prüfen.

Shen Su brachte Wasser herein und fragte, ob sie im nächsten Jahr wieder nach den Lotusblüten sehen wollten. Gu Qing hob den Kopf. Die alte Frau lachte zuerst und sagte, sie müssten ja nicht wieder so weit fahren. Zuerst könnten sie nachsehen, ob bei Luwan welche gepflanzt worden seien, und wenn ihr das Gehen schwerfalle, könne sie sich auch einfach vom Wagen aus das Wasser ansehen. Gu Qing antwortete, sie werde im Frühjahr erst einmal nachfragen. Sie machte aus dem Satz keinen Auftrag, der unbedingt ausgeführt werden musste. Ihre Großmutter setzte sich, nahm eine saure Pflaume zwischen die Finger und reichte sie ihr. Die übrigen ließ sie sich selbst langsam im Mund zergehen.

Das Fenster war nicht ganz geschlossen. Zhou Jiping schüttelte sich im Hof das Wasser von den Händen, kam wieder herein und setzte ihr das hohe Gestell ein wenig tiefer. Der erste, alte seidene Pflaumenzweig blieb in der Fensterecke. Der neue lag still in seinem Papierfach. Der Wind strich durch die Zweige des echten Pflaumenbaums über der Mauer bis an Gu Qings Finger. Sie senkte den Kopf und verbarg das lose Stück Faden wieder. Das Fenster ließ sie offen.

· Ende des vollständigen Textes ·

Dieses Buch ist ein mit KI-Unterstützung verfasstes Originalwerk, das Wang Anshis 《梅花》 (Pflaumenblüten) und die ursprüngliche Kurzgeschichte dieser Website 《不卖春风》 (Den Frühlingswind verkaufe ich nicht) erweitert. Figuren, Handelsgeschäfte, Geografie und Zeitrechnung sind erfunden; es handelt sich nicht um eine Biografie des Dichters. Die zentralen Entscheidungen der Vorlage bleiben erhalten: den Baum zu bewahren, die Duftlosigkeit der Seidenblumen und den gemeinsamen Besuch von Großmutter und Enkelin bei den Lotosblüten.

Inhaltsverzeichnis dieses Buches · 36 Kapitel
  1. Der kühle Duft haftet nicht an der Seide
  2. Der Fleck im weißen Kalkkreis
  3. Die Schere im Mondlicht
  4. Seidene Pflaumenblüten kommen auf den Tisch
  5. Ein Tor in die andere Richtung
  6. Zwei kleine Münzschnüre
  7. Der Bogen, der Platz lässt
  8. Ein Ladenschild ohne Duft
  9. Der Lohn für einen halben Tag
  10. Eine Blüte, die keine Blüte ist
  11. Nach dem Schnee einpacken
  12. Was kostet ein Stiel?
  13. Silvester bei anderen Leuten
  14. Nach der Blütezeit
  15. Den Namen auf Papier drucken
  16. Eine Schale mit kaltem Essen
  17. Beim ersten Mal gibt es keinen zweiten Anlauf
  18. Die zurückgeschickten Kisten
  19. Ein Hof für zwei
  20. Der Regen zieht durch den alten Graben
  21. Xiaomans Rechnung
  22. Der freie Platz neben den Schirmen
  23. Der Frühling, den die Kunden wollten
  24. Die Blüten, die auf dem Tisch blieben
  25. Ein Weg für einen allein
  26. Den fünften Monat fürs Geschäft freihalten? Nein
  27. Wer die Blüten betrachtet
  28. Der dritte Geldbeutel
  29. Was wird im Sommer aus dem Baum?
  30. Vor dem Einsteigen
  31. Die erste Etappe auf dem Wasser
  32. Die Lotusblätter haben sich noch nicht entfaltet
  33. Die eine Blüte mitten auf dem Wasser
  34. Auf dem Rückweg drängt keine Blütezeit
  35. Der Sommerschatten des Pflaumenbaums
  36. Noch einen neuen Zweig machen

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