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Ein Buch in der Hand

Roman über Handelswege und Wiederbegegnungen im Stil des alten China

Die Blätter in der Sonne

Ku Wuji · Mit KI verfasst · 10985 Zeichen · ca. 10 Minuten

Am sechsten Tag des fünften Monats legten die Yus wieder frisch gepflückte Blätter zum Trocknen aus. Noch vor dem kühlen Lager nahm Yao Jia den frischen Duft wahr und wurde langsamer. Ein paar leere Körbe, die gestern zurückgebracht worden waren, lehnten an der Wand. Liang Baishun saß dahinter, schlug mit der linken Hand auf eine kaputte Holzwanne und summte ein Schifferlied. Bei einer hohen Stelle brach ihm plötzlich die Stimme weg. Er senkte den Kopf und lachte als Erster, halb hustend.

Yu Erniang wendete am anderen Ende die Blätter und meinte, wenn er damit sein Geld verdienen wolle, könne die Familie gleich anfangen, Mahlzeiten einzusparen. Er gab zurück, als er jung gewesen sei, seien ihm die Leute nachgelaufen, um seine Stimme zu hören. Gewiss, sagte sie, bis zum Brunnen seien sie ihm nachgelaufen, damit er aufhöre zu singen. Ihre Kinder hätten nicht schlafen können. Yao Jia stand am Eingang. Sie hatte sich vorgenommen, ihnen zu sagen, dass sie sich all die Tage keine Pause gegönnt hatten. Doch ehe sie den Satz so herausbrachte, bemerkte Liang Baishun den Weinkrug in ihrer Hand.

Sie hatte einen kleinen Krug Wein gekauft. Nach den arbeitsreichen Tagen, dachte sie, könnten sich alle zusammensetzen, ein wenig trinken und in Ruhe reden. Liang Baishun sagte, sie solle ihn dort hinstellen, zum Abendessen könne man ihn gebrauchen. Yu Erniang nahm den Becher nicht und wendete weiter die Blätter vor sich. Yao Jia stellte den Krug neben die Holzwanne, schenkte selbst auch nichts ein und hockte sich auf die Seite, wo mehr Platz war, um die zwei Blätter aufzuheben, die der Wind heruntergeweht hatte.

Diese Lieferung war nicht dieselbe wie jene acht Bündel im vierten Mondmonat. Die sechs Bündel aus dem vierten Monat waren in der Nacht zum Zweiten in Yuepu angekommen und am Dritten einzeln verkauft worden; die Empfangsbestätigung war erst am Fünften eingetroffen. Die damalige Ware und das damalige Geld ließen sich inzwischen beide nachweisen, doch die dazwischen verlorenen Tage kehrten nicht mit den Blättern zurück. Yu Erniang holte einige Blätter Papier hervor und verbarg sie nicht vor ihr. Da sie nun schon gekommen sei, fragte sie, wolle sie wissen, wie viel genau fehle?

Yao Jia nickte. Für die ursprünglich acht Pakete hätten sechshundertvierundzwanzig eingehen sollen. Die beiden rechtzeitig angekommenen brachten wie vereinbart hundertsechsundfünfzig, die sechs verspäteten nur hundertzweiundneunzig. Zusammen waren das dreihundertachtundvierzig, also zweihundertsechsundsiebzig weniger. Die ursprünglichen achtundvierzig für den Transport hatte das Lager schon erstattet. Die Eilbeförderung der zwei Pakete und die spätere Beförderung der sechs hatten zusammen achtundneunzig gekostet, fünfzig mehr als ursprünglich. Dazu kamen zwanzig für das erneute Verschnüren, insgesamt fehlten dreihundertsechsundvierzig. Yu Erniang zeigte auf jeden Posten und las die Zahlen langsam vor. Als sie die letzte erreicht hatte, blieb ihr Finger auf dem Zeichen liegen, das der Empfänger angebracht hatte.

„Wegen der nächsten Lieferungen hat Gao auch nichts mehr mit mir abgemacht“, sagte sie. „Das kommt hier nicht mit rein. Erst rechnen wir diese Fahrt ab. Wenn ich alles, was nie zustande gekommen ist, zu einem großen Bündel zusammenschnüre, denken die Leute noch, ich verkaufe ihnen den Wind.“

Yao Jia sah auf die Blätter. Ursprünglich hatte sie geglaubt, wenn die Ware später doch verkauft würde, müsste es wenigstens etwas leichter werden. Nun hatte auch der Verkaufserlös seine feste Zahl, und der Fehlbetrag haftete weiter an der ursprünglichen Zeile. Sie dachte daran, wie sie bei ihren ersten Versuchen mit den beiden Speiselokalen im Stillen schon das Dach ausgebessert und freie Nachmittage eingeplant hatte. Hätte jemand ihr gesagt, diesmal sei es nichts geworden, sie solle es später wieder versuchen, hätte auch sie wohl kaum lächeln können.

Sie sagte, für ihre Lieferung seien Arbeit und Frachtkosten genau aufgeführt gewesen, nach den Blättern habe sie sich aber nicht genau erkundigt. Sie wolle sich erst einmal für Lu Yan entschuldigen. Yu Erniang blickte auf und erwiderte, was Lu falsch gemacht habe, müsse er selbst sagen. Yao Jia fügte rasch hinzu, auch sie habe ihren Teil daran. In der Nacht beim Verladen habe sie das Gestell für die Blätter tatsächlich gesehen. Danach sei sie mit der eigenen Ware beschäftigt gewesen und habe sich nicht weiter darum gekümmert, weil ja jemand vom Handelshaus aufpasste. Dabei verdrehte sie mit den Fingerspitzen ihren Rocksaum und wartete darauf, dass die andere sagte, es genüge, dass sie es eingesehen habe.

Yu Erniang sagte das nicht. Sie fragte, ob Yao Jia sich in jener Nacht hätte schlafen legen und bis zum Morgen warten können, wenn die zwölf Krüge der Yaos am Ufer geblieben wären und sie selbst bloß vorbeigekommen wäre und gesagt hätte, Verwalter Lu werde sich etwas einfallen lassen. Yao Jia dachte eine Weile nach und schüttelte den Kopf. Sie hätte wohl jeden einzelnen Krug bewacht, bis er an Bord war. Selbst mit ihrem eigenen Abdruck auf dem Verschluss hätte sie mit eigenen Augen sehen müssen, wie sie hinübergetragen wurden. Die Antwort kam so schnell, dass sie sich nicht mehr dahinter verstecken konnte, dass sie vom Verladen nichts verstand.

Liang Baishun hörte auf zu summen und brachte ihr Wasser. Es war einfach nur lauwarm. Yao Jia nahm es, hatte kaum ein paar Schlucke getrunken, da dachte sie an die Weinkanne und fragte, ob sie vielleicht doch etwas einschenken solle. Yu Erniang winkte ab. Wenn sie tranken, würden die Umstehenden denken, sie hätten sich ausgesöhnt. Wenn Gehilfe Yan später nachfragte, müsste sie es von vorn erklären. Sie wolle die Papiere heute noch zur Gilde bringen und niemandem die bequeme Ausrede liefern, es sei doch längst wieder alles gut.

Yao Jia wurde heiß im Gesicht und sagte rasch, sie wolle sich kein freundliches Wort erkaufen. Die andere machte nur „Hm“ und sortierte weiter die Belege. Yao Jia sah auf die Hand, die einfach nicht innehielt, und fühlte sich ein wenig verletzt. Sie war doch wirklich gekommen, um ihren Fehler einzugestehen. Man sollte sie nicht für jemanden halten, der alles mit einem Geschenk zudeckte. Die Kränkung stieg in ihr auf und brachte einen Satz mit, den sie hier gar nicht hatte sagen wollen: „Wenn meine Mutter früher für eure paar Haushalte Gemüse eingelegt hat, hat sie auch gesagt, unter Nachbarn könne man schlecht so genau abrechnen.“

Yu Erniangs Hand hielt inne. Auch Liang Baishun blickte auf. Draußen trieb der Wind ein Blatt an die Steinstufen, wo es sich zweimal überschlug. Nach einer Weile sagte Yu Erniang, als Xinniang gekocht habe, habe sie selbst Krüge beigesteuert, und als die Familie Yao in Not gewesen sei, habe sie Reis und Kohle gebracht. Sie habe nicht bloß dagesessen und sich bekochen lassen. Als Yao Jia das hörte, glaubte sie für einen kleinen Augenblick, einen Halt gefunden zu haben. Sie wollte ihr schon die Zeile im alten Buch zeigen, als sie sah, dass unter Yu Erniang noch immer der Warenempfangsschein von Gaos Laden lag.

Sie goss den frisch gekauften Wein nicht in den Becher. Yu Erniang fragte, ob es von früher etwas abzugleichen gebe. Dann könne sie ein andermal kommen, auch sie erinnere sich nicht mehr an alles. Aber wieso sollte deshalb der Frachtzettel vom neunundzwanzigsten Tag des vierten Monats plötzlich nicht mehr gelten? Gegen Ende wurde ihre Stimme leiser, und Yao Jia wagte noch weniger als zuvor, sie anzusehen. Beinahe hätte sie das Unrecht, das ihre Mutter jahrelang ertragen hatte, gegen die eine Frage aufgerechnet, die sie diesmal zu wenig gestellt hatte.

„Ich hätte das eine nicht mit dem anderen vermengen sollen“, sagte sie.

Yu Erniang legte die Zettel weg. Sie nahm Yao Jias Satz nicht zum Anlass, auch das mit Ruan Xin beiseitezuwischen, sondern sagte nur, über das Alte würden sie später reden. Sie legte die drei Blätter auseinander, die heute ins Kontor sollten, und beschwerte den Boden ihres Korbes mit dem Blatt, das sie selbst behalten wollte. Liang Baishun solle genau hinsehen, damit er es nicht wieder unter einen Bottich lege. Er brummte und stülpte den kaputten Holzbottich an einer anderen Stelle um. Darin hing noch der halbe Nachklang des Klopfens von eben, und keiner sang weiter.

Yao Jia griff nach den letzten Blättern, um beim Wenden zu helfen. Diesmal fragte sie zuerst, nach welcher Seite. Yu Erniang zeigte es ihr. Die Blattadern durften nicht knicken. Yao Jia wendete die Blätter langsam. Das in ihrer Hand war sehr groß und hatte am Rand ein kleines altes Fraßloch. Bevor sie es auf den Stapel der guten Blätter legte, hielt sie noch einmal inne. Yu Erniang sah es sich an und sagte, das behalte sie selbst, um eine einzelne Portion Reis einzuwickeln. Zu den unversehrten solle es nicht. Yao Jia legte es wie gebeten beiseite, und ihr Blick fand erst jetzt allmählich von den Zahlen auf dem Papier zu diesem wirklichen grünen Blatt zurück.

Vor dem Gehen wollte sie anbieten, einen Teil vorzuschießen. Doch Yu Erniang kam ihr zuvor und sagte, mit diesen Zetteln müsse man zu den Leuten von der Schifffahrtsfirma Yonghe gehen, die den Auftrag bearbeitet hatten. Erst wenn die Beträge abgeglichen seien, lasse sich klären, wer was trage. Wer als Erstes mit Geld in der Tür stehe, solle nicht gleich die Verantwortung für alle übernehmen. Yao Jia hielt die Hand zurück, die schon an ihrem Geldbeutel lag. Sobald sie die Zahlen abgeglichen hätten, werde sie sagen, was sie zu sagen habe. Sie werde sie nicht bloß an Lu Yan verweisen.

Yu Erniang sah sie eine Weile an und nickte einmal. Sie sagte nicht, dass es zwischen ihnen wieder so sein werde wie früher. Yao Jia wusste, wie gern sie das gehört hätte, hakte aber nicht weiter nach. Liang Baishun begleitete sie zur Tür. Er hielt die kaputte Holzschüssel fest und sagte, die Kanne könne sie dalassen. Der Wein werde nicht verschwendet, zum Abendessen mache er einen Fisch. Dann sah er zu seiner Frau. Yu Erniang winkte nur ab und sagte, er solle ihr die frischen Blätter von heute nicht in den Wein streifen. Das Blatt für das Handelshaus zog sie deswegen nicht zurück.

Am nächsten Tag ging sie noch einmal hin, diesmal ohne Wein. Yu Erniang hatte die schriftliche Schadensforderung schon gestern mit einem flussabwärts fahrenden Schiff abgeschickt. Frühestens heute Abend würde sie in Yuepu ankommen. Die ursprünglichen Annahme- und Rückgabebelege lagen bei. Yao Jia hatte sie nicht darum gebeten, ihr eine freundlichere Formulierung zu schreiben. Diesmal half Yao Jia nur Liang Baishun, ein paar alte Körbe so abzustellen, dass sie nicht gegen die feuchte Wand drückten. Danach ging jeder wieder seiner eigenen Arbeit nach. Keiner blieb den ganzen Tag dort, um zu beweisen, dass er einen Fehler eingestehen konnte.

Am Nachmittag des achten Tages ging Yao Jia auf den Markt, um Lampendochte zu kaufen. Gleich daneben hatte ein kleiner Stand mit Stoffbändern aufgebaut. Ein paar blass aprikosenfarbene Haarbänder hingen über einem Bambusring, und wenn der Wind wehte, legten sich die feinen Fasern an ihren Enden alle in dieselbe Richtung. Im Vorbeigehen sah sie hin, und als sie am Dochtstand ankam, sah sie noch einmal zurück. Ihre dunkle hölzerne Haarnadel hielt ebenso gut wie eh und je. Das bisschen helle Farbe füllte keine Lücke im Laden und wärmte ihr doch ein wenig den Blick.

Die Frau am Bänderstand kannte sie und fragte, ob die Schuhe gepasst hätten, die ihre Tante vor ein paar Tagen umgetauscht hatte. Yao Jia lächelte und sagte, sie passten, sie selbst habe sie nicht anprobiert. Da meinte die Frau, dann solle sie heute dieses Band anprobieren, das drücke ihr wenigstens nicht die Zehen. Yao Jia musste lachen und streckte die Hand danach aus. Der Stoff war nicht teuer, und seine feine Webstruktur fühlte sich anders an als der Saum ihres eigenen Gewands. Sie fragte nach dem Preis, zählte das Geld ab und kaufte das Band. Sie ließ es nicht bis zum nächsten Wareneinkauf anschreiben.

Mit flinken Händen legte die Frau das Band einmal um die Haarnadel, ohne zu fragen, für wen sie es später tragen wolle. Yao Jia hob den Kopf. Die losen Stirnhaare waren ordentlich zurückgenommen, und ein bisschen Aprikosenfarbe fiel ihr hinters Ohr. Es war so wenig und schien doch das ganze Gesicht in ein anderes Licht zu rücken. Sie strich einmal darüber und fragte, ob es zu hell sei. Sie solle selbst schauen, sagte die Frau und zeigte auf eine Schüssel mit klarem Wasser am Stand, mit dem sie den Staub auf den Garnen niederhielt.

Sie beugte den Kopf. Der Wind bewegte die Wasseroberfläche sacht, und ihr Spiegelbild wurde bald lang, bald kurz. Ein Mädchen, das neben ihr Garn kaufte, lachte und sagte, sie solle der Schüssel bloß nicht trauen. Eben habe darin eines ihrer Augen größer ausgesehen als das andere. Yao Jia lachte mit, hielt den Rand mit zwei Fingern fest und wartete, bis die kleinen Wellen sich legten. Endlich sah sie den feinen Farbstreifen seitlich in ihrem Haar deutlich. Sie schob die Haarnadel behutsam fest, nahm die Dochte und ging ein paar Schritte. Dann tastete sie noch einmal nach dem Band, und das Lächeln war noch immer nicht ganz aus ihren Mundwinkeln gewichen.

· Ende des Kapitels ·

Dieses Buch ist ein mit KI-Unterstützung verfasstes Originalwerk und erweitert Li Bais 《长干行二首》 („Zwei Lieder aus Changgan“) sowie die ursprüngliche Kurzgeschichte dieser Website 《青梅旧账》 („Alte Rechnungen aus der Zeit grüner Pflaumen“). Figuren, Handelshäuser, Preise, Geografie und Zeitrechnung sind frei erfunden; bewahrt werden die Kerngedanken des Originals: alte Schulden vollständig zu klären, Handwerk und Arbeit neu zu würdigen und als Erwachsene den künftigen Umgang miteinander neu zu vereinbaren. Es handelt sich nicht um eine Biografie des Dichters.

Inhaltsverzeichnis dieses Buches · 38 Kapitel
  1. Grüne Pflaumen im Ärmel
  2. Die Wärme an der Krugöffnung
  3. Nur hundertsechzig annehmen
  4. Ein Löffel, zu süß
  5. Der Tintenfleck neben dem Bambussteckenpferd
  6. Die Pflaumen wurden zuerst weich
  7. Der Tag der Rückfahrt
  8. Ein Geschäft, das nicht zustande kam
  9. Eine Schale, die auf das Abkühlen wartet
  10. Die Zunge erinnert sich nicht
  11. Das Fach, in dem der Platz nicht reichte
  12. Zwei Abmachungen für die Bootsfahrt
  13. Die Blätter bleiben vorerst am Ufer
  14. Die Frage, die sie nicht stellte
  15. Auf dem Fluss ist kein Platz frei
  16. Die Sommernudeln sind zu kräftig
  17. Vater sitzt noch am Tisch
  18. Die Blätter in der Sonne
  19. Die ganze Geschichte jener Nacht
  20. Mittagessen in der Ziegelgasse
  21. Bis alles beglichen ist
  22. Wer fehlt im Kontobuch?
  23. Drei Tage flussaufwärts
  24. Diese elf Jahre waren keine leere Zeit
  25. Bündel für Bündel zurückgeben
  26. Ein kleines Schälchen vom milderen
  27. Die drei Tage der Mutter
  28. Die Säure, auf die sie vergeblich wartete
  29. Wenn du zurückkommst
  30. Anders als in Kindertagen
  31. Boote, die nicht alle zugleich fahren
  32. Ein Schälchen Pflaumen, das nicht zum Verkauf steht
  33. Die Lichter wandern unter Wasser
  34. Zwei Tage flussabwärts
  35. An seinem Ufer
  36. Die Straße, die sie selbst sehen wollte
  37. Ein Zimmer zum Wohnen
  38. Auf der neuen Seite ist noch Platz

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