Reise- und Gesellschaftsroman im Stil des alten China
Der freie Platz neben der Trommel
Ku Wuji · Mit KI verfasst · 12169 Zeichen · ca. 12 Minuten
Als Gao Man ihr die zwölf Wen reichte, zählte A-Zhao sie sehr sorgfältig. Qin Xiaoman sah ihren Händen zu und erinnerte sich plötzlich daran, wie sie selbst ihren ersten Lohn fürs Theaterspielen Münze für Münze gezählt hatte. Danach hatte sie feuchte Handflächen gehabt, sich aber nicht getraut, sie am Kleid abzuwischen, damit es niemand merkte. Jetzt wollte sie nur, dass das Geld ausgezahlt war, damit Gao Man nicht mehr nachfragte, unter wessen Namen welche kleinen Arbeiten einzutragen waren und sie selbst noch ein wenig länger ihre Stimme üben konnte.
Im Hof unterhielten sich Azhao und Gu Ming mit gedämpften Stimmen. Gu Ming fuchtelte mit einem halben Stück Stakstange, und Azhao wich lachend aus, als wiche sie vor etwas anderem als der Bambusspitze zurück. Xiaoman hörte es und dachte erst, junge Leute hätten es leicht, sich zu freuen. Dann fiel ihr ein, dass nachmittags noch ein Futter zu wenden war, und sie wurde ein wenig ärgerlich. Sie wusste, dass Azhao für heute genug getan hatte, wollte ihr aber trotzdem sagen, sie solle nicht die ganze Zeit im Zug stehen. Noch bevor sie etwas sagte, wusste sie selbst nicht, ob sie fürchtete, Azhao könnte sich erkälten, oder ob es sie störte, dass die noch Kraft zum Lachen hatte.
Am Abend probten sie den Anfang von „芦花渡“ („Die Fähre am blühenden Schilf“). Die Mutter sollte ihre Tochter daran hindern, von Bord zu gehen. Xiaoman ging zwei Schritte vor und griff zu schnell zu. Lu Heniang hatte sich noch gar nicht umgedreht, da hielt Xiaoman schon ihren Ärmel fest. Gao Shoucheng klopfte auf den Tisch und rief Halt. Ihre Mutterfigur sehe aus, als wolle sie die Tochter wirklich nach Hause schleppen. Sie solle ihr noch Luft lassen, schließlich müsse sie danach noch singen. Lu Heniang rieb sich das Handgelenk und sagte, ja, für einen Moment habe sie wirklich geglaubt, sie käme nicht mehr weg.
Die anderen lachten, und Xiaoman lachte mit, ein wenig später als sie. Der Text in dieser Szene war schwer zu singen. Sie musste die Sorge hörbar machen, ohne dass es bloß nach Weinen klang. Früher hatte sie sich einmal an der Hauptrolle der Bootsfrau versucht. Damals war sie leicht auf den Füßen, und wenn sie beim Wasserschöpfen eine Drehung machte, sahen die Leute am Bühnenrand ihr gern zu. Heute gingen in der Truppe die geschäftigsten Tage für die Kostümtruhen drauf, und das Einsingen wurde immer wieder auf später verschoben. Müsste sie die Hauptrolle wirklich wieder von Anfang an singen, wusste sie, dass Lu Heniang sie sicherer einstudiert hatte als sie.
Etwas einzusehen und sich damit abzufinden waren zweierlei. Lu Heniang sagte, sie wolle die Schlussszene ein wenig ändern. Aheng solle ihren Bootsstaken nicht beim ersten freudigen Bescheid wegwerfen. Sie selbst habe die Schritte im Boot von Anfang bis Ende mühsam geübt, und am Schluss solle das alles bloß dazu dienen, ein Hochzeitsgewand anzuziehen. Gao Shoucheng entgegnete, bei einem Hochzeitsmahl wollten die Leute eben sehen, wie jemand ein prächtiges Gewand anziehe. Wenn am Ende beide ihrer eigenen Wege gingen, wer gäbe dann noch freudig ein Trinkgeld? Gu Ming warf ein, sie könnten doch bei seiner Rückkehr seinen Schwerttanz einbauen und nach dem ganzen Spektakel noch einmal über den Schluss reden.
»Du findest in jeder Szene Platz für eine Zugabe.« Lu Heniang sah ihn an.
„Wenn es gut aussieht, kommt es rein.“
»Üb erst mal, durch den Eingang zu treten, ohne dass man deine Fußsohlen sieht.«
Gu Ming hob die Stakstange wie ein Schwert und zeigte allen mit Absicht einmal seine Fußsohlen, worauf sie noch lauter lachten. Xiaoman hatte eigentlich sagen wollen, dass man den Schluss auf mehr als eine Art singen konnte. Als er sich einmischte, verlor sie den Faden. Auf einmal ärgerte es sie, dass hier im Hof jede noch so ernste Sache für einen Moment wie nichts wirken konnte, sobald er die Leute zum Lachen brachte. Zugleich wusste sie, dass man auf der Bühne genau dieses Können brauchte. Es musste nicht jeder so sein wie sie und umso weniger sagen, je mehr er zu tragen hatte.
Kaum war der Streit vorbei, holte Lu Heniang schon einen neuen Perlenstrang aus dem Kästchen und fragte Xiaoman, ob sie ihn probeweise am Kragen annähen könne. Die Perlen waren nicht leicht. Xiaoman hielt sie hoch und ließ sie ein wenig schwingen. Lu Heniang sagte gleich, es sei nur zum Ausprobieren, und wenn es nicht gut sei, könne man sie wieder abtrennen. Sie liebte dieses bisschen Glanz. Beim Hinsehen wurden selbst ihre Augenwinkel weicher. Xiaoman sah es und dachte daran, dass sie früher einmal für eine einzige rote Perle zwei Nächte länger gearbeitet hatte. Also hielt sie Lu Heniang nicht ihre eigenen Worte von vorhin entgegen, als die davon gesprochen hatte, die Stakstange für ein prächtiges Kostüm wegzuwerfen.
Der neue Trommler Cai Heng saß am Vorhang und wartete, bis alle ausgelacht hatten, ehe er den ersten Schlag setzte. Der Takt war anders als der, den Lu Zheng damals gespielt hatte. Xiaoman setzte zu früh ein und fing sich so hastig, dass ihr der letzte Ton ein wenig brach. Cai Heng fragte, ob sie noch einmal anfangen wollten. Sie sagte unwillkürlich, früher sei diese Stelle anders gewesen. Als sie sah, wie seine Hand am Rand der Trommel innehielt, fiel ihr ein, dass dieses »Früher« nur in ihren eigenen Ohren klang. Der Mann, der Lu Zhengs Platz eingenommen hatte, hatte es nie gehört und schuldete ihr auch keinen alten Takt.
Sie bat ihn, noch einmal anzufangen, und hörte erst zu, bis er fertig war. Beim zweiten Mal klappte es, doch der kleine Unmut in ihrer Brust blieb, besonders als A-Sheng neben ihr auch noch den Kopf im Takt wiegte und sich gar nicht daran erinnerte, wie sein Vater früher getrommelt hatte. Xiaoman fand einerseits, dass es gut war, wenn das Kind etwas Neues für sich entdeckte. Andererseits fragte sie sich, warum er nicht ein einziges Mal nach seinem Vater gefragt hatte. Bei der letzten Zeile wäre ihr Blick beinahe zu ihrem Sohn gewandert. Sie zwang sich, ihn wieder auf Lu Heniangs Schulter zu richten.
Nach der Probe bat Gao Shoucheng sie, sich den hinteren Seitenraum der Südhalle anzusehen. Zwei Kostümtruhen drängten sich neben dem alten Trommelgestell, und für den neuen Stoff war kein Platz. Das Gestell war in der Mitte leer, doch das Holz war noch gut. Auseinandergenommen würde es sich für ein niedriges Regal mit zwei Ablagen eignen. Xiaoman sagte als Erstes, es sei nicht überflüssig. Gao Shoucheng drängte sie nicht weiter und fragte nur, wer den Stoff morgen zum Trocknen aufhängen solle, wenn er heute Nacht feucht werde. Er sagte es ohne Schärfe, und gerade das machte es ihr peinlicher, als wenn er gedrängt hätte.
Lu Zheng hatte seine alte Trommel schon während seiner Krankheit verkauft. Jemand hatte damals gesagt, der Preis sei zu niedrig, doch er bestand auf Bargeld, damit Xiaoman nicht noch mehr für Arzt und Arznei anschreiben lassen musste. Die Trommel ging weg, das Gestell blieb. Zuerst hatte er vorgehabt, nach seiner Genesung eine neue Trommel zu bespannen. Dann war er nicht mehr da. Das Gestell war leichter als die Trommel, doch wer auch immer aufräumte, ging erst einmal darum herum. Mit der Zeit wurde daraus ein leerer Platz, nach dem niemand als Erster fragen wollte.
Xiaoman wischte den Staub vom Querholz des Gestells. Unter ihren Fingern spürte sie eine fast abgeriebene Kerbe. Lu Zheng hatte daran abgelesen, wie straff er das Fell verschnüren musste. Als A-Sheng klein war, hatte er mit dem Fingernagel darin gekratzt und gesagt, sie sehe aus wie ein Würmchen. Wegen dieser einen Spur konnte sie nicht den Platz der ganzen Truppe belegen. Sie konnte das Gestell aber auch nicht bloß deshalb, weil morgen dort Stoff liegen sollte, in etwas zerlegen lassen, das niemand wiedererkannte. Sie faltete den Lappen wieder und wieder und hörte draußen vor der Tür A-Zhao fragen, welche Lampe für alle da sei.
A-Zhao kam, um die alte Bambuslaterne zu holen. Morgen früh wolle sie sie zurückbringen, sagte sie, und sie heute Abend erst einmal gut einpacken. Xiaoman bat sie, die Laterne näher an den Tisch zu bringen, und flickte eine eingerissene Papierecke. Die Laterne war aus, doch ihr Messingverschluss fing das Licht einer anderen Tonlampe im Zimmer auf und war deutlicher zu sehen, als wenn die Laterne selbst gebrannt hätte. Plötzlich fragte Xiaoman, wie lange He Huaizhou vor seinem Tod krank gewesen sei. A-Zhao sagte, im zwölften Monat sei es rasch bergab gegangen. Davor habe er immer behauptet, es liege nur an der Kälte, nach ein paar Tagen Ruhe sei er wieder auf den Beinen.
Xiaoman nickte, ohne zu sagen, wie sehr das an Lu Zheng erinnerte. Gegen Ende einer Krankheit sagten die Menschen oft ähnliche Dinge, aber die Zurückbleibenden wussten deshalb nicht besser, was sie tun sollten. Sie wollte Azhao fragen, ob sie von nun an wirklich keine Fähre mehr fahren wolle. Dann dachte sie, dass sie auch kein Recht hatte, die Tochter auf dem Boot festzuhalten, nur weil Meister He nicht mehr da war. Sie fragte bloß, ob sie wiederkommen werde, wenn die Näharbeit dieser Tage anders gewesen sei, als sie sich vorgestellt hatte.
A-Zhao antwortete nicht gleich. Sie strich mit der Hand über den Verschluss der Truhe und sagte, sie werde wiederkommen, aber künftig keine Stellen mehr auf eigene Faust fertig nähen, zu denen ihr niemand etwas gesagt hatte. Xiaoman hörte heraus, dass noch ein wenig Trotz darin steckte, und musste lachen. Sie sagte, A-Zhao brauche auch nicht von nun an bei jedem Handgriff erst zu fragen. Wenn sie selbst viel zu tun habe, komme sie womöglich nicht dazu, alles genau zu erklären. Wenn etwas unklar sei, solle A-Zhao kurz innehalten und erst fragen, wer das Gewand tragen werde. Sie solle nicht nur auf ihre eigenen Stiche schauen.
Erst als sie fertig war, merkte sie, dass sie schon wieder jemanden belehrte. A-Zhao nahm die Lampe entgegen und fragte leise, ob sie auf dem Rückweg noch etwas ausrichten solle. Xiaoman sah sie an. Im Hof hörte sie Cai Heng die Trommel verstauen, während A-Sheng ihm hinterherlief und fragte, warum man auf das leere Gestell nicht schlagen dürfe. Plötzlich wollte sie die junge Frau nicht wieder mit der Lampe zurückschicken. Doch ihr fiel kein einziger Satz ein, den sie ihr wirklich hätte mitgeben können.
„Wenn diese Reihe von Aufführungen vorbei ist“, sagte sie, „möchte ich mit Asheng einmal über den Fluss.“
A-Zhao hob den Kopf, ihre Augen leuchteten kurz auf, dann nahm sie sich rasch wieder zurück. Sie fragte, wann. Xiaoman sagte, das stehe noch nicht fest. Diese Spielreihe in Lanting solle bis ins erste Drittel des dritten Monats laufen. Falls sich danach der Spielplan ändere, müsse sie erst die Kostümarbeiten, die sie noch hatte, ordentlich übergeben. Sie hatte gesagt, dass sie es gern tun würde. Ob sie es tat, stand noch offen. A-Zhao nickte und fragte tatsächlich weder nach, ob es zum Shangsi-Fest sein würde, noch sagte sie, die alte Qin werde sich bestimmt freuen. Xiaoman entspannte sich ein wenig.
Abends wusch sie ihrem Sohn die Füße. Von den neuen Schuhen war erst einer fertig, die Sohle des anderen war schon gepresst. A Sheng fragte, ob er morgen in das Boot in der Laterne steigen dürfe. Als er hörte, dass sie ihn mit nach Liuwan nehmen wollte, fragte er gleich, ob es bei seiner Großmutter ein Boot gebe, ob sie einen Hof habe und ob er seinen kleinen Hund aus Ton mitnehmen dürfe. Xiaoman beantwortete ein paar der Fragen, sagte dann aber, er solle erst einmal nicht so viel fragen, sie wisse noch nicht, an welchem Tag sie aufbrechen würden. Das Kind schob die Unterlippe vor, und auf einmal erkannte Xiaoman bei sich dieselbe Ungeduld, die ihre eigene Mutter gezeigt hätte.
Davon wurde sie nicht auf einmal sanft. Sie hielt ihren Sohn weiter am Knöchel fest, damit er das Wasser nicht aufs Bett spritzte. Erst als seine Füße trocken waren, sagte sie, dort gebe es einen Lampenladen und viele Lampen. Er dürfe sie aber nicht als Spielzeugboote benutzen und kreisen lassen. Asheng sagte, er sei doch kein kleines Kind mehr, und fragte, warum sie früher nie dort gewesen seien. Xiaoman stellte den anderen Schuh ans Bett und antwortete, manche Wege bekämen auch Erwachsene nicht ohne Schwierigkeiten hin. Der Junge verstand es nicht und verglich mit gesenktem Kopf ganz vertieft, welcher der beiden Schuhe breiter war.
Nachdem Azhao gegangen war, kam Gao Man, um die Holzmarken für die Stoffausgabe zu holen. Als sie das Trommelgestell noch dastehen sah, fragte sie nicht wieder, ob es zerlegt werde, sondern suchte selbst zwei Bambusstangen und legte sie über die Truhen. Beim Hinausgehen musste sie sich seitlich durch den Türrahmen schieben, und der Stoffballen auf ihrer Schulter bekam einen Staubstreifen ab. Xiaoman sah es und wurde noch unruhiger. Erst als Gao Man draußen war, nahm sie eine kleine Leiste, die vom Hobeln übrig geblieben war. Sie wollte das alte Gestell fürs Erste unterfüttern, damit wenigstens seine Holzfüße nicht weiter über den Boden schrammten.
Sie hielt das Gestell gerade fest, als Asheng am Bettrand den Kopf hervorschob und fragte, ob sie die Trommel für ihn aufheben wolle. Xiaoman wollte ja sagen. Über die Lippen kam ihr dann aber nur, dass sie es erst einmal so stehen lassen wolle. Darauf sagte das Kind, es wolle seine Bambusflöte auch darauflegen. Das Gestell sei so groß, da passten viele nebeneinander. Sie sah es an. In den Augen ihres Sohnes schien es auf einmal längst nicht so eng zu sein wie in ihren.
Nebenan kochte jemand Nudeln. Der Duft von Lauchöl zog durch einen Spalt in der Wand. Erst da fiel ihr ein, dass sie am Abend nur einen halben Bohnenfladen gegessen hatte. Ihr leerer Magen fühlte sich schon kalt an. Als Lu Zheng noch lebte, vergaß auch er oft zu essen. Wenn er sie bei der Arbeit sah, schimpfte er, wenn diese Kleiderkiste wirklich Menschen fressen könne, solle sie sich zuerst einen mit Fleisch auf den Rippen nehmen. Bei der Erinnerung an sein Gesicht entfuhr ihr ein leises Lachen. Aus Angst, das Kind könnte es hören und nach dem Grund fragen, wandte sie sich ab, holte eine Schale und kaufte nebenan eine Portion heiße Nudeln.
Der Nudelverkäufer fragte, ob Lauchzwiebeln hinein sollten. Sie sagte Ja, hielt kurz inne und bat dann um ein bisschen weniger. A-Sheng zupfte sie von hinten am Saum. Als sie sich umdrehte, sagte er, er wolle auch ein paar Bissen, aber ohne Lauchzwiebeln. Xiaoman fischte sie mit den Stäbchen heraus. Mittendrin fiel ihr ein, dass sie nicht einmal mehr wusste, ob es den alten Kochtopf in Liuwan noch gab. Sie tat einen Teil der Nudeln in eine kleine Schale und reichte sie zuerst ihrem Sohn. Dann setzte sie sich neben das leere Trommelgestell und aß endlich die übrige halbe Schale auf.
· Ende des Kapitels ·
Dieses Buch entstand mit Unterstützung von KI als erweiterte Ausarbeitung auf Grundlage von Zhang Ruoxus „春江花月夜“ (Frühlingsfluss, Blüten, Mond und Nacht) und der eigenständigen Kurzgeschichte „借灯还舟“ (Eine Laterne leihen, ein Boot zurückbringen). Figuren, Geografie und Ereignisse sind frei erfunden. Es handelt sich weder um eine übertragende Nacherzählung des Gedichts noch um eine Biografie des Dichters.
Kommentarbereich
Kommentare werden geladen…
Was möchtest du sagen?Melde dich an, um mitzukommentieren →