Reise- und Gesellschaftsroman im Stil des alten China
Ein neues Stück in der Südhalle
Ku Wuji · Mit KI verfasst · 11876 Zeichen · ca. 11 Minuten
Als A-Zhao am vierundzwanzigsten Tag des zweiten Monats in Lanting ankam, sah sie zuerst nach, ob sich der Spielplan draußen an der Südhalle geändert hatte. Neben der alten roten Schrift hingen zwei neue Bögen. Darauf stand, dass ein Akt aus „Die Fähre am Schilf“ zur Probe gespielt würde. Darunter wies eine klein gedruckte Zeile die Gäste an, bei Regen den Seiteneingang zu nehmen. A-Zhao las langsam und stand so lange vor der Tür, bis jemand mit einer Bank sie bat, Platz zu machen. Da trat sie mit ihrer Truhe an die Wand zurück.
Gao Man erkannte sie und fragte, wie viele Tage sie diesmal bleibe. Azhao sagte, wenn es Arbeit gebe, wolle sie bleiben, bis diese Reihe von Aufführungen vorbei sei. Gao Man sagte weder zu noch ab, sondern zeigte in den Hinterhof, wo Xiaoman gerade die Untergewänder aufhängte. Die Leinen im Hof hingen niedriger als früher. Ein nasses Stück Stoff reichte Azhao bis an die Stirn. Sie wäre beinahe hineingelaufen und hielt es gerade noch mit der Hand ab. Nur weil niemand kam, um sie zu begrüßen, hatte sie nicht mehr das Gefühl, an der Tür warten zu müssen. Sie ging um die aufgehängten Stoffe herum und suchte gleich nach den vertrauten Händen.
Als Qin Xiaoman sie sah, fragte sie zuerst, ob das Boot verkauft sei. Azhao sagte, es sei noch da, Ding Quan passe darauf auf. Sie wollte erzählen, was in den letzten Tagen zu Hause geschehen war, doch Xiaoman zeigte auf einen Eimer voller Kostümbänder und bat sie, sie herauszufischen. Sie dürften nicht zu lange einweichen. Azhao krempelte die Ärmel hoch und griff hinein. Das Wasser war kälter als gedacht, und kaum hob sie die Bänder heraus, wickelte sich eines um ihr Handgelenk. Die beiden redeten, während sie die Bänder auswrangen. Dass die alte Verlobung aufgelöst und die Urkunde verbrannt war, ging im Plätschern des halbvollen Eimers beinahe unter.
Xiaoman hörte zu, bedankte sich nicht und lächelte nicht. Azhao meinte, sie habe es nicht richtig verstanden, und wiederholte, Frau Qin habe mit der Urkunde niemanden ausfindig machen wollen. Xiaoman wrang das Band in ihrer Hand bis zum letzten Tropfen aus und erwiderte, sie habe gar nicht gefragt, wen man anhand des Papiers finden könne. Sie habe wissen wollen, ob ihre Mutter im Herzen bereit sei, loszulassen. Azhao dachte daran, wie Frau Qin am Herd tagelang gezögert hatte, behauptete aber nicht in ihrem Namen, sie habe schon ganz losgelassen. Sie sagte nur, das habe sie selbst gehört. Alles Weitere müsse Xiaoman ihre Mutter persönlich fragen.
„Ich habe sie auch nicht gebeten, es vor meinen Augen zu verbrennen“, sagte Xiaoman.
A-Zhao wurde plötzlich kalt ums Herz. Unterwegs hatte sie die Nachricht nicht für ein Verdienst gehalten. Erst jetzt merkte sie, dass sie insgeheim doch auf ein „Jetzt ist es gut“ gehofft hatte. Xiaomans Worte hatten ihr aber gar nicht gegolten. Xiaoman schüttelte das nasse Gewand auseinander, stemmte erst Schulter und Rücken gegen den Wind und legte es dann sorgfältig über die Bambusstange. A-Zhao fasste rasch das andere Ende. Nur zusammen verhinderten sie, dass der Saum wieder durch den Schlamm strich. Bei dieser Bewegung wich die Kälte von eben für eine Weile.
Am Nachmittag zeigte Gao Shoucheng ihr zwei kurze Jacken und fragte, wie viele Tage sie dafür brauche. A-Zhao fragte erst, wer sie tragen sollte. Gao Shoucheng wies in den Hof. Einer war gerade aufgestanden, der andere schlang noch eine halbe Schale Reis hinunter. Sie musste warten, bis beide Zeit für die Anprobe hatten. Die Jacken auf dem Tisch ein wenig zu falten reichte nicht, um einen Termin zu nennen. Der Truppenleiter wurde ungeduldig und fragte, warum es so umständlich sei, bloß ein Band zu versetzen und einen Flicken aufzunähen. Xiaoman ergriff weder für A-Zhao Partei noch drängte sie im Namen Gao Shouchengs. Sie hielt die Jacken selbst probeweise an und sagte erst dann, eine Anprobe sei tatsächlich nötig.
Azhao veranschlagte zwei Tage und zwölf Wen für jedes der kleinen Kleidungsstücke. Gao Man drehte das Holztäfelchen um und entgegnete, bei einem Stück müsse nur ein Flicken eingesetzt werden, dafür könne sie keine vollständige Änderung berechnen. Beide zeigten auf die Kleidungsstücke, während sie redeten. Einen Augenblick lang hatte Azhao das Gefühl, man behandle sie wieder wie eine Neue, der man nach Belieben Arbeit zuschieben konnte, und ihr wurde heiß im Gesicht. Als sie es schließlich geklärt hatten, zwölf für das eine, acht für das andere und zwei fürs Waschen der Bänder, nickte sie langsam. Mit einem herzlichen „Wenn du bleiben willst, nehme ich dich auf“ war es hier nicht getan. Sobald die Arbeit verteilt wurde, hatte selbst jede Naht ihren eigenen Preis.
Als Gao Man weggegangen war, fragte Xiaoman, ob A-Zhaos Reisegeld noch reiche. A-Zhao wollte erst ja sagen. Dann dachte sie an die acht Wen pro Nacht im Gasthaus und gab zu, dass sie nicht lange bleiben könne, wenn sie immer nur so wenig Arbeit bekomme wie beim letzten Mal. Xiaoman sagte, beim letzten Mal habe A-Zhao die meiste Zeit zugesehen. Bezahlt werden konnten nur die paar kleinen Stellen, an denen sie wirklich gearbeitet hatte. Wenn sie die Arbeit schaffe, werde es natürlich mehr geben. Doch sie könne ihr nicht schon für ungetane Arbeit einen guten Verdienst vorrechnen. Dann schob sie einen Beutel mit losem Garn näher heran und bat A-Zhao, es ihr gleich zu entwirren. Sie werde es nachher brauchen.
A-Zhao sah den Beutel an und wollte ihn plötzlich nicht gleich nehmen. Xiaoman wartete, als sei ihr nicht bewusst, was sie eben gesagt hatte. Schließlich nahm A-Zhao ihn doch, suchte aber nur die paar Farben heraus, die sie an diesem Abend brauchten, und legte den Rest zurück. Xiaoman hob leicht die Brauen und sagte nichts. Erst als A-Zhao zur Anprobe des kurzen Obergewands ging, entwirrte Xiaoman die übrigen Fäden selbst, einen nach dem anderen, sehr schnell und sehr schlecht gelaunt.
Da kam Gu Ming herein und fragte, ob Fräulein He ihm diesmal ein halbes trockenes Stück mitgebracht habe. A-Zhao zog das Bündel mit den Bohnenfladen fest und sagte, diesmal nicht. Er solle nicht immer aus alten Geschichten einen Vorteil ziehen. Neben ihr streckte A-Sheng sofort die Hand aus, um das Bündel seiner Mutter zu schützen, und sagte, das gehöre alles ihnen. Gu Ming sah von einem Gesicht zum anderen und gab sich lachend geschlagen. Dann zog er ein neu gekauftes Klapperplättchen aus dem Ärmel, zeigte es aber ausgerechnet nur dem Kind und wollte es ihm nicht geben. A-Sheng lief ihm nach, und im halben Hof ging es gleich drunter und drüber.
A-Zhao sah zu, und das Maßband in ihrer Hand erschlaffte ein Stück. Xiao-Man kam an ihr vorbei und sagte leise, sie solle erst fertig messen. Der Mann, dem das Kostüm angepasst wurde, warte noch auf seine zweite Schale Reis. A-Zhao drehte sich um. Tatsächlich stand der Darsteller schon ungeduldig da, während sie immer noch reglos das Bandende hielt. Sie entschuldigte sich rasch, war innerlich aber immer noch verärgert. Eben hatten alle dem Kind zugesehen, und ausgerechnet sie musste man eigens zur Arbeit zurückrufen.
Bei der abendlichen Probe saß A-Zhao zum ersten Mal hinter der Bühne und sah zu, wie die Truppe einen halben Hof in einen Fluss verwandelte. Das Boot bestand aus zwei Brettern, das Ufer aus einem Hanfseil an der Seite. Gu Ming hätte mit einem einzigen Schritt darübersteigen können, doch auf der Bühne musste er über dieses unsichtbare Wasser setzen. A-Sheng wollte hinten herumrennen, aber Xiaoman packte ihn am Kragen und setzte ihn neben die Kostümtruhe. Er sagte, er habe doch keinen Laut von sich gegeben. Seine Mutter zeigte auf seine Füße. Wie leise du auch gehst, sagte sie, die Bretter reden für dich.
Im ersten Akt war Liu Sheng auf Reisen. Er sang, ein leichtes Boot trage ihn in einem Tag ans Ziel. Da hielt Aheng ihn an und fragte erst einmal nach dem Fahrgeld. Gu Ming wollte den armen Gelehrten großspurig spielen und tastete betont lange in seinem Ärmel. Lu Heniang wurde das Warten zu viel, und sie griff kurzerhand in seinen anderen Ärmel. Die paar Gehilfen, die unten bei der Probe zusahen, lachten laut. Gu Ming änderte aus dem Stegreif eine Zeile und behauptete, das Geld sei in seinem Traum. Darauf erwiderte Lu Heniang, dann möge ihn doch das Boot aus seinem Traum übersetzen. Das stand nicht im alten Textbuch. Gao Shoucheng runzelte am Vorhang erst die Stirn, hörte das Lachen und ließ sie schließlich weiterspielen.
Azhao bog sich vor Lachen, die Nadel noch zwischen den Fingern. Sobald ihr einfiel, wie gefährlich das war, steckte sie sie hastig ins Röhrchen zurück. Plötzlich verstand sie ein wenig besser, weshalb Xiaoman, obwohl sie gewusst hatte, dass sie in der Fremde hungern und Kleider nähen musste, das Leben hier nicht bloß als Notlösung bezeichnen wollte. Vor der Bühne saßen wirkliche Menschen, und auf der Bühne konnte man jemand anderes sein. Selbst wenn dort jemand Fährgeld verlangte, ließ sich daraus eine Heiterkeit machen, wie sie an der Anlegestelle nie aufkam.
Doch nach der Heiterkeit wurde es am Bühnenrand still, sobald die Mutter auftrat. Xiaoman sang tiefer als sonst, und ihr „Geh nicht“ klang nicht bloß zornig. Azhao sah auf den Schatten hinter ihrer Schulter und musste plötzlich an Frau Qins Hände am Ladentisch denken, als ihr die Antwort ausgeblieben war. Gleich darauf fand sie, sie sollte die beiden nicht jedes Mal übereinanderlegen. Die Mutter im Stück war eine andere als die Lampenhändlerin aus Liuwan, und die Frau vor ihr war mehr als eine Tochter, die jemand sechzehn Jahre lang vermisst hatte.
Zur ersten Vorstellung am sechsundzwanzigsten Tag kamen gut vierzig Menschen, manche saßen, andere standen. Die Kupfermünzen fielen in die Geldröhre und klangen lebhafter als gewöhnlich im Hof. Gao Shoucheng begrüßte an der Tür Stammgäste, drehte sich um und trug dann wieder einen Schemel fort, dem ein Bein fehlte. A-Zhao hatte gedacht, nach Beginn der Vorstellung könne sie sich in Ruhe an die Näharbeit setzen. Sie hatte nicht erwartet, dass auf jeden Ruf vorn an der Bühne hinten jemand ein Band reichen, einen Kopfschmuck abnehmen oder ein nasses Tuch entgegennehmen musste. Sie war nur zweimal mitgelaufen, da hatte sich das Fadenknäuel in ihrem Ärmel schon verknotet.
Nach einer Vorstellung war Lu Heniangs Kragen völlig durchnässt. Das Gewand war schwerer als Kleider, die den ganzen Tag eingeweicht hatten. A-Zhao wollte es aufhängen. Lu Heniang sagte ihr erst, sie solle aufpassen, dass der schwere Schmuck nicht auf die Falte drücke. Dann ging sie Wasser trinken. Mitten im Trinken rief man sie hinaus, damit sie sich beim Publikum bedankte, und sie warf A-Zhao die Schale wieder zu. A-Zhao fing sie auf und ärgerte sich ein wenig. Offenbar hatte jeder mehr freie Hände als sie. Als sie etwas erwidern wollte, stand Lu Heniang schon lächelnd vor dem Vorhang und verbeugte sich. Von der Müdigkeit war ihr nichts anzusehen.
Beim Geldzählen sah das ganze Getümmel noch weniger nach Reingewinn aus. Der Hausherr nahm zuerst die Saalmiete, die geliehenen Bänke mussten zurück, und für das Nachspannen von Cai Hengs Trommelfell musste ebenfalls Geld beiseitegelegt werden. Gu Ming bat um einen kleinen Vorschuss, den er seinem jüngeren Bruder für Bücher im Frühjahr schicken wollte. Gao Shoucheng sagte, er solle noch zwei Aufführungen warten. Gao Man schrieb daneben mit. Nur weil jemand sagte, zu Hause sei es dringend, wurden die Zahlen auf dem Holztäfelchen nicht von selbst größer. Azhao hörte im Stehen zu und beschloss allmählich, wegen des neuen Stoffs, nach dem sie eben hatte fragen wollen, bis zum nächsten Mal zu warten.
Ende des Monats regnete es zwei Tage, und die Aufführungen wurden in den engen Saal verlegt. Auf der schmaleren Bühne streiften A-Hengs lange Ärmel den Seitenpfosten. Lu Heniang musste eine Drehung enger ausführen und machte ein finsteres Gesicht. Als A-Zhao ihren Unmut bemerkte, dachte sie erst, Lu Heniang wolle nicht auf einen Teil des Beifalls verzichten. Erst beim Tragen der Kostüme bemerkte sie die Splitter am Pfosten. Führte man die Bewegung aus wie zuvor, konnte der Ärmel tatsächlich hängen bleiben und reißen. Sie wickelte einen Stoffrest um die Kante des Pfostens. Über die Bewegungen der anderen entschied sie damit nicht, aber ein Hindernis war aus dem Weg.
Lu Heniang bemerkte es und hob zum Dank kurz das Kinn. Es war eine kleine Geste, aber A-Zhao freute sich so sehr darüber, dass sie das Gefühl nicht so leicht beiseitelegen konnte wie zwei Wen, die sie eingenommen hatte. Sie wollte sich auch nicht eingestehen, dass sie Gu Ming und den anderen, die auf eine größere Bühne wollten, ganz ähnlich war. Sie alle hofften, dass ihre Arbeit gesehen wurde, und sei es auch nur ein wenig davon. Abends in der Herberge zählte sie die zweiundzwanzig Wen ab, die ihr für diese beiden Tage zustanden, und kaufte sich davon nichts Auffälliges.
Am zweiten Tag des dritten Monats sagte Gao Shoucheng, diese Spielreihe laufe noch bis zum Neunten. Wenn das Wetter wieder umschlage, würden sie Schluss machen und sie nicht in die Länge ziehen. Als A-Zhao die Termine hörte, erkundigte sie sich erst einmal nach dem Boot für die Rückfahrt. Sie konnte sich in der Südhalle schon selbst einen Platz zum Sitzen suchen und wusste, dass sie gemeint war, wenn jemand A-Zhao rief. Beim nächsten Aufbruch würde sie nicht wie beim ersten Mal nur nach einem Namen fragen können. Doch Xiaoman ließ sich, wenn sie vom Übersetzen sprach, den Tag nach wie vor von niemandem bestimmen.
An jenem Abend breitete Azhao das Schmierblatt mit den Maßen aus. Neben den Worten „graublaues Gewand“ standen drei neue kurze Vermerke: „Wer trägt es“, „erst anprobieren“, „vor dem Auftrennen fragen“. Ihre Schrift kam ihr kindlich vor. Sie wollte alles sauber abschreiben, überlegte es sich aber und behielt das alte Blatt. Draußen übte Gu Ming die Abschiedszeile des jungen Liu, in der er der Fährfrau eigentlich ein Wiedersehen versprechen sollte. Plötzlich stockte er und fragte durch die Wand, ob jemand gehört habe, bis wohin er in der Zeile davor gekommen sei. Lu Heniang antwortete von der anderen Seite, bis dahin, wo er sich wieder einmal das Fährgeld sparen wolle. Azhao senkte lachend den Kopf. Der letzte Tuschepunkt geriet ihr dadurch schief, und sie schrieb ihn nicht noch einmal.
· Ende des Kapitels ·
Dieses Buch entstand mit Unterstützung von KI als erweiterte Ausarbeitung auf Grundlage von Zhang Ruoxus „春江花月夜“ (Frühlingsfluss, Blüten, Mond und Nacht) und der eigenständigen Kurzgeschichte „借灯还舟“ (Eine Laterne leihen, ein Boot zurückbringen). Figuren, Geografie und Ereignisse sind frei erfunden. Es handelt sich weder um eine übertragende Nacherzählung des Gedichts noch um eine Biografie des Dichters.
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